
HAMBURG. "Das Ziel bleibt bestehen", sagte Hans-Heinrich Nöll, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) dem Handelsblatt. Derzeit fahren gut 500 Hochseeschiffe unter den Farben Schwarz-Rot-Gold. Funktionär Nöll räumt aber ein, dass es in der heftigsten Flaute der Branche schwierig werden könnte, überhaupt den Bestand zu halten. "Keiner weiß, was kommt", sagt der VDR-Manager. Daher sieht das Versprechen eine Hintertür vor: die wesentliche Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Auf Drängen der Bundesregierung bemühen sich die Reeder seit sechs Jahren um eine Ausweitung der Handelsflotte. Von 2003 bis 2005 steigerten sie die Zahl um 100 auf 400 Schiffe, von 2006 bis 2008 kamen erneut 100 hinzu. Gut 2 600 internationale Handelsschiffe sind in deutschem Besitz, weisen jedoch fremde Flaggen auf. Die Zahl der in den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegenen Arbeits- und Ausbildungsplätze in der zivilen Schifffahrt sollen in der Krise zumindest stabil bleiben. "Wir halten nach Möglichkeit Kurs", sagt Reeder-Repräsentant Nöll. Mehr als 800 Schulabsolventen starteten 2008 eine Ausbildung in der zivilen Schifffahrt. An Land arbeiten mehr als 20 000 Menschen, auf dem Wasser mehr als 11 000. Nöll: "Wir rechnen nicht damit, dass Seeleute demnächst in großer Zahl arbeitslos werden." In den Häfen fordert die Flaute dagegen bereits Opfer. Der Gesamthafenbetriebsverein (GHBV) in Bremen und Bremerhaven will sich von bis zu 1 400 Arbeitern trennen. "Der Arbeitskräftepool sichert die Produktionsspitzen ab. Wenn wir im Moment deutlich weniger darauf zurückgreifen, dann springt der Rücklagenfonds ein und zahlt die Gehälter weiter", erläutert BLG-Chef Detthold Aden, seit 2004 Präsident des Zentralverbandes der Deutschen Seehafenbetriebe (ZDS). "Das reicht aber höchstens für ein halbes Jahr. Deshalb muss der GHBV jetzt reagieren." Die fast 5 000 Hafenarbeiter der BLG selbst sollen nicht gehen müssen. Hafenbetreiber, Reeder und Makler sowie Vertreter von Werften und Zulieferern kommen heute gemeinsam mit Gewerkschaftern von IG Metall und Verdi zum entscheidenden zweiten Tag der Nationalen Maritimen Konferenz in Rostock zusammen. Gastgeber des sechsten Spitzentreffens der Schifffahrt ist Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Der ostdeutsche Tagungsort ist kein Zufall. Der heute ebenfalls auftretenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt er im Wahljahr zupass: Ihr Wahlkreis rund um Stralsund ist nicht weit entfernt. Ursprünglich war das niedersächsische Oldenburg auserkoren. Den ersten Branchengipfel unter Beteiligung des Bundes und der Küstenländer hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Schlüsselfragen der Schifffahrt werden seitdem bei der Konferenz entschieden. Reeder und Politiker sind sich in den Kernfragen weitgehend einig. "Die Struktur stimmt grundsätzlich", findet VDR-Mann Nöll, der die "Stabilität der Rahmenbedingungen" in Deutschland schätzt. Verbesserungspotenzial sieht er dennoch. Die Reeder wünschen sich eine zentrale bundesweite Verwaltungsstelle für die Schifffahrt mit Sitz in Hamburg. Und ein vollständiger Ausgleich der höheren Lohnnebenkosten unter deutscher Flagge - die Bundesregierung übernimmt nur zwei Drittel - wäre "sicher ein Anreiz für weitere Beflaggung", sagt Nöll. Nicht rütteln wollen die Schiffseigner dagegen an der lange umstrittenen, seit 1999 geltenden Tonnage-Gewinnermittlung. Sie hat ihnen in den vergangenen Boomjahren viel Geld gespart. Dafür zahlen sie jetzt drauf. Für das Frachtvolumen wird ein fixer Gewinn angenommen, der meist unter dem herkömmlich errechneten Betrag liegt. Verluste können dafür nicht geltend gemacht werden. "Das Konzept ist auf längere Sicht angelegt. Nur weil es uns aktuell nicht nützt, wollen wir es nicht über Bord schmeißen", beteuert Nöll.